...einen Gärtner wirft der Betrieb nicht ab!

 BAJ8846 kleinDie Gesellschaft zur Förderung der Gartenkultur e.V. hat den Alma de l'Aigle-Preis 2018 an Viktoria Freifrau von dem Bussche verliehen. „Ja, Gärten und Kinder sind es, um die es sich lohnt zu leben. Ihnen den Bezug zur Mitte, den Duft der Seele, die Echtheit zu erhalten, war und bleibt mein Lebensziel“, sagte Alma de l’Aigle (1889-1959), unermüdliche Gärtnerin, Lehrerin, Sozialreformerin und Rosenexpertin am Ende ihres Lebens. Das leidenschaftliche Engagement einer kleinen Gruppe von Gartenliebhabern, die sich für den Erhalt ihres Gartens in Hamburg einsetzten, war die Initialzündung für die Gründung der Gartengesellschaft. Alma de l’Aigle zu Ehren vergibt die Gartengesellschaft alle drei Jahre einen Preis mit dem Ziel, Menschen zu ehren, die sich mit ihrem Lebenswerk für die Gartenkultur einsetzen.

Graues Schloss in den „Ippenburger Sümpfen“ wird Ort der Gartenkultur

Die diesjährige Preisträgerin ist Viktoria Freifrau von dem Bussche, die

als Initiatorin der deutschen Gartenfestivals, mit temporären Schaugärten, der Neukonzeption eines alten Küchengartens und zeitgemäßen nachhaltigen Ideen Tausende von Besuchern mit ihrer Gartenleidenschaft ansteckt sowie international bekannte Gärtner zum Schloss Ippenburg in Bad Essen lockt. Die Geschichte der Amateurgärtnerin, die mit Begeisterung ein graues Schloss in den „Ippenburger Sümpfen“ in einen Ort der Gartenkultur verwandelt, löste in Deutschland einen Gartenboom aus. Bis heute ist es Viktoria Freifrau von dem Bussche ein persönliches Anliegen, „Menschen mit dem grünen Virus zu infizieren.“

Keinen Blumenstrauß und nicht nach Paris!

P2050866Sie können Ihre Frau gern einmal in der Woche nach Paris auf den Wochenmarkt schicken, damit sie sich einen Blumenstrauß kaufen kann, aber einen Gärtner wirft der Betrieb nicht ab“, kommentierte 1985 der alljährlich zur Erntezeit anreisende Betriebsberater den Hilferuf der Hausherrin, deren Herausforderung sumpfige Flächen, eine verwilderte, von Brennnesseln überwucherte Obstwiese und die Erziehung von vier kleinen Kinder war. Die Einstellung eines Gärtners ließ das Budget eines mittleren landwirtschaftlichen Betriebes mit einem Schloss von landesherrlicher Dimension nicht zu. Aber Viktoria von dem Bussche wollte keinen Blumenstrauß und auch nicht nach Paris – sondern einen Garten.

1976 hatte die Kunststudentin ihr Studium abgebrochen, um mit dem Erben von Schloss Ippenburg, Philipp-Sigismund von dem Bussche auf den Adelssitz in Bad Essen im Landkreis Osnabrück (Niedersachsen) zu ziehen, der seit 600 Jahren im Besitz der Familie von dem Bussche – Ippenburg ist. Die landverbundene Frau war auf einem Waldgut in der Lüneburger Heide aufgewachsen und traf in Ippenburg auf eine Familientradition, deren Herausforderung es war, das Schloss mit seiner wechselvollen Geschichte in das neue Jahrtausend zu führen. Die ersten Jahre auf insgesamt rund 60.000 Quadratmetern waren kein Akt kreativer Gestaltung, sondern forderten die Bewältigung nasser, schwerer Böden, von Brennnesselgestrüpp, von Wühlmäusen, Rehen und Schnecken.

Lieblingsort Küchengarten

Ein großes Glück war für mich der alte Küchengarten mit seinen Mauern aus dem 15. Jahrhundert“, erzählt Viktoria von dem Bussche. Nachdem unzählige Blautannen gerodet, die dort für den Weihnachtsbaumverkauf kultiviert wurden, kam sandangereicherter, humoser Boden zutage, über die Jahre durch Obst- und Gemüseanbau entstanden. Ab sofort hielten Schafe die Wiese unter den Obstbäumen kurz und die Kinder bekamen eigene Beete für Salat und Möhren. Im instandgesetzten Glashaus und den angrenzenden Flächen kultivierte Viktoria von dem Bussche von nun an auf erschwingliche Weise einige Tausend Stauden und Sommerblumen pro Jahr für die Beete am Schloss. Der Anfang war gemacht, die Gartenleidenschaft entfacht!

Das erste „Ippenburger Schloss- und Gartenfestival“(1998)

Fast zwanzig Jahre später, als die jüngste Tochter aus dem Haus ging, fasste Viktoria Freifrau von dem Bussche einen Entschluss: Der Garten muss sein Geld selbst verdienen. In Magazinen hatte sie von dem neuen Trend von Gartenfestivals in privaten Schlössern wie den „Internationalen Kwekerijdagen“ in Bingerden (bei Arnheim) gelesen. Eine grandiose Idee! Schon ein Jahr später, im Juli 1998 startete das erste deutsche Gartenfestival als „Ippenburger Schloss- und Gartenfestival“ mit 32 Ausstellern und über zehntausend begeisterten Besuchern auf der Obstwiese im alten Küchengarten. Das machte Schule. Im nächsten Jahr gingen drei, im Jahr 2000 bereits fünfzehn ähnliche Festivals an privaten Schlössern in Deutschland an den Start.

Inspiration Chelsea Flower Show

Inspiriert von der Ausstellung der Königlichen Gartenbaugesellschaft (RHS) in England engagierte Viktoria von dem Bussche international bekannte Gartendesigner wie Christopher Bradley – Hole (GB), Jacqueline van der Kloet (NL) oder Jacques Wirtz (B) für temporäre Schaugärten. „Fest der Gartenkunst“ lautete der Titel eines Wettbewerbes für Garten- und Landschaftskunst im Millenium - Jahr 2000. Der für seine minimalistischen Gartenentwürfe bekannte Gartendesigner Bradley – Hole konzipierte 2013 für Ippenburg das „Rosarium 2000 +“, ein lebendiges Museum für Rosen - Züchtungen des 21. Jahrhunderts.

Nachhaltige Gartenprojekte

In Großbritannien initiiert der Journalist Tim Richardson das alternative „Chelsea Fringe Festival“, das statt temporäre dauerhafte Gartenprojekte fördert. Auch Viktoria von dem Bussche entwickelt zeitgemäßere Ansätze. Den Küchengarten ließ die Schlossherrin in ein Raster von sechs Meter breiten und über 20 Meter langen Feldern gestalten und frischt die Tradition des dekorativen Gemüseanbaus auf.

Zwei neue Projekte sind „Ein Geheimer Garten – Ein Wilder Ort!“ und die „Ippenburger Wildnis“. „Der „Geheime Garten“ der Mary Lennox aus dem Kinderbuchklassiker von F. H. Burnett ist unter umgekehrten Vorzeichen Vorbild,“ erklärt Viktoria von dem Bussche beim Rundgang durch das Heckenlabyrinth. Dort, wo seit mehr als 15 Jahren Themengärten im Jahresverlauf wechselten. „In Ippenburg wird nicht ein gänzlich verwilderter Garten wieder schön gemacht, sondern es wird ein inszenierter verlassener Garten geschaffen, indem die Rückeroberung durch die Natur bewusst als Gestaltungsmittel eingesetzt wird. Mit der „Ippenburger Wildnis“ verfolgt Viktoria von dem Bussche die Inszenierung eines verlassenen Gartens, einer Wildnis, als Refugium für Vögel, Insekten und Amphibien.

Als Viktoria von dem Bussche vor gut 40 Jahren nach Ippenburg kam, hat sie nicht im Traum daran gedacht, hier einen Ort der Gartenkultur zu schaffen. In ihrem Buch „Wir müssen noch Unkraut pflanzen“ (2011) erzählt die Kunsthistorikerin die Geschichte ihrer Leidenschaft für diesen Ort und lässt Plinius (d. J. um 100 n. Chr.) sprechen: „Glaubst Du also nicht, dass ich vollen Grund habe, diesen Landsitz zu meinem allerliebsten Aufenthalt zu machen? Du müsstest ein verbissener Städter sein, wenn du jetzt kein Verlangen danach bekommst!

Impressionen

Jahrestagung 2018 in Hamburg

  • IMG_0053
  • IMG_0054
  • IMG_0055
  • IMG_0056
  • _BAJ8806
  • _BAJ8811
  • _BAJ8846