Sich an ihren Gedenktagen Derjenigen zu erinnern, die die Gärten ihrer Zeit gestalteten und die Gartenkultur weiterentwickelten, zeigt auf, wie groß die Schuhe sind, in die die heutigen Landschaftsarchitekten und vielleicht auch wir Gärtner schlüpfen müssen. Machen Sie mit uns einen Ausflug zu Menschen, die Natur und Gartenkunst beeinflusst und gestaltet haben und deren Jahrestage sich 2019 runden. Sie treffen alte Bekannte, überraschende Gartenliebhaber, aber auch Gartengestalter, die kennenzulernen sich lohnt. Wer von Ihnen weitere „gärtnerische Jahrestage“ findet, ist herzlich zur Ergänzung willkommen:

 

Alma de l'Aigle (1889-1959)

Alma de lAigleFür die Gartengesellschaft steht die Frau unseres "Gründungsmythos" und Namensgeberin unseres Gartenpreises, die Pädagogin, Sozialreformerin, Rosenkennerin, Gartenautorin Alma de l'Aigle im Vordergrund. 2019 begehen wir ihren 130. Geburtstag und den 60. Todestag. Niemals zuvor hat jemand mit Worten den Duft der Rosen eingefangen wie sie in Ihren "Begegnungen mit Rosen", einem umfangreichen Werk, das heute nur noch antiquarisch zu erhalten ist.

Wieder aufgelegt werden und im März in den Buchhandel kommen soll die Beschreibung des Reformgartens ihres Vaters "Ein Garten". Drei Jahre nach dem vernichtenden Krieg, 1948, findet Alma de l'Aigle

am Garten Halt und Zuversicht. Sie stellt dem Buch einen Prolog voran: "Ein Jahre um das andere ist durch den Garten gezogen. Die Menschen und ihre Schicksale haben sich gewandelt. Menschenwerk ist vernichtet, der Bau der Welt scheint aus den Fugen zu sein. Die Gesetze des Himmels und der Erde scheinen zerrüttet. Aber unablässig Jahr für Jahr treibt der alte Garten wieder seine Blüten und bringt seine Früchte, den ewigen Ordnungen eingefügt."

Die Gartengesellschaft initiierte 1996 eine heute ebenfalls vergriffene, sehr schön in gelbes Leinen gebundene Ausgabe mit einem Aquarell der Autorin auf dem Einband und Bildern des Gartens. Antiquarisch oder neu - in selten anschaulicher Sprache bringt uns Alma de l'Aigles Bücher den Sinn der Gartenkultur nahe.

Margery Fish (1892-1969)

72 CMargery FishVor 50 Jahren starb eine bedeutende Gartenfrau, die sich als Autodidaktin ein überragendes Wissen um Pflanzen und ihre Verwendung aneignete. Ihren idealen Cottage Gärten schuf sie in den 30 er Jahren des 20. Jh. aus den Resten eines aufgegebenen Bauernhofes in Lambrook Manor. Mit ihrem Beispiel schuf sie eine Voraussetzung dafür, dass anspruchsvolle Gartengestaltung auch für Menschen erlebbar und umsetzbar wurde, die sich keine angestellten Gärtner leisten konnten und können.

Über die Geschichten von den ersten Pannen und Konflikten mit ihrem Ehemann Walter Fish, dessen Auffassung von Gartengestaltung so anders war als die ihre (nach seinem Tod konnte sie endlich ihre Vorstellungen verwirklichen), lässt sich wunderbar schmunzeln, doch vor allem ist ihr riesiges persönliches Wissen über jede Pflanze, die in ihrem Garten vorkam, dass sie in ihren Büchern weitergibt, faszinierend und hat viele Gartengestalter inspiriert.

Pflanzenzüchtungen tragen ihren Namen, so die Sterndolde Astrantia major ‘Margery Fish’, das Kleine Tränende Herz Dicentra formosa 'Margery Fish', das Schneeglöckchen Galanthus nivalis" Margery Fish", der Bartfaden Penstemon 'Margery Fish', das Lungenkraut Pulmonaria saccharata 'Margery Fish'. Nach Lambrock Manor wurden ebenfalls Sorten benannt: die Wolfsmilche Euphorbia 'Lambrook Gold', die Storchschnabel Geranium cinereum subcaulescens 'Lambrook Helen' und Geranium x oxonianum 'Lambrook Gillian', die Jakobsleiter Polemonium 'Lambrook Mauve', das Heiligenkraut Santolina chamaecyparis ‘Lambrook Silver’, das Schneeglöckchen Galanthus plicatus ‘Lambrook Greensleeves’.

Margery Fish lebte bis zu ihrem Tode 1969 in Lambrock Manor, das seit 2000 umfassend restauriert wird. Die Besitzer Robert und Marianne Williams nehmen mit Hilfe ihres Head Gardeners den Stil Margery Fishs auf und entwickeln ihn weiter.

Alexander von Humboldt (1769-1859)

AvHumboldt2019 jährt sich der 250. Geburtstag Alexander von Humboldt - eines so kosmopolitischen Menschen, dass man seine Lebensdaten kaum glauben kann. Geboren am 14. September 1769  in Berlin, gestorben ebenda am 6. Mai 1859. Aber welche Welten liegen zwischen beiden Daten! Niemand vor ihm hatte auf dem Kontinent Südamerika Flüsse und Seen durchfahren, Berge bestiegen und Ebenen erkundet, sie vermessen und beschrieben. Seine wissenschaftliche Ausrüstung war das Neueste, das es auf dem "Markt" gab. Seine Pflanzen- und Tiersammlungen füllten Schiffe, die er - der Seekriege wegen - sowohl auf englischen Schiffen nach London und auf französischen nach Le Havre und anderen Häfen bringen ließ. Humboldt war eine solche Berühmtheit, dass es sogar zwischen feindlichen Schiffen zur Übergabe seiner Kisten mit den Funden aus Flora und Fauna kam. In Rom, wo sein Bruder Wilhelm als deutscher Botschafter residierte, lernte Alexander von Humboldt den Freiheitskämpfer Simon Bolivar kennen und brachte ihm die Natur seiner bolivianischen Heimat nahe, deren Bewahrung Bolivar sich nach seinem Sieg in der Revolution seines Heimatlandes angelegen sein ließ.

Weitere Expeditionen führten Alexander von Humboldt nach Russland und Zentralasien. Als Kammerherr in preußischen Diensten wich er seinem Hofdienst in Berlin gerne aus mit der Begründung, seine wissenschaftlchen Werke könne er nur in Paris schreiben und herausgeben. An den Höfen und in den Salons von Paris, London, Rom und Berlin war Alexander von Humboldt gern gesehener Gast und der Star seiner Zeit, eine faszinierende Persönlichkeit, die Abenteurertum und Wissenschaft in sich vereinte. Lesen Sie die spannende Biographie, die Andrea Wulf 2016 veröffentlichte, "Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur".

Alexander Pope (1688 -1744)

800px Alexander Pope by Michael DahlVor 275 starb ein Mann, der wesentliche Anstöße zu einer Gartenrevolution gab - der Abkehr vom formalen Garten, von geraden Wegen, von Symmetrie, kunstvoll gestützten Gehölzen und einer den Status des Eigentümers nachzeichnenden Ausrichtung auf ihn und sein Haus. Alexander Pope war kein Gartengestalter. Er war als Literat und politischer Beobachter ein berühmter Mann seiner Zeit und gehörte zu den intellektuellen Kreisen, die seit der Wende zum 17 Jh. gegen den höfischen Adel und die Regierung der Könige aus dem Hause Hannover standen und in den Publikationen wie dem "Spectator" ihre Kritik verbreiteten. Ihre Opposition richtete sich gegen Absolutismus und politische Unterdrückung, und für ihre Vertreter stand der barocke Garten für eben diesen Absolutismus. Rousseaus "Zurück zu Natur" legte den theoretischen Grundstein, der Ruf nach bürgerlicher Freiheit lieferte den gesellschaftlichen Antrieb und die Landschaftsbilder Claude Lorrains mit ihren Felsen, Grotten und Tempeln, die Italienreisende von ihrer Grand Tour ins Königreich mitbrachten, schufen das mythologische und antikisierende Dekor der künftigen Gärten.

Im "Spectator" veröffentlichte Alexander Pope Artikel zu einer neuen Form der Gartenkunst und lieferte ab 1719 mit der Umgestaltung seines eigenen barocken Gartens in Twickenham an der Themse ein seinerzeit vielbeachtetes praktisches Beispiel. Dieser Garten gilt als der erste ohne geometrische Ausrichtung und ohne den Schnitt von Bäumen und Sträuchern. Ein Garten sollte auch nach Pope "ungeschmückte Natur" darstellen und seine Gestaltung sich nach der vorhandenen Landschaft richten. Pope ließ eine Grotte ausheben, die mit Kieseln und gebrochenen Natursteinen ausgekleidet wurde. Der Eingang war in Form eines runden Muscheltempels gehalten. Seiner Gartenanlage fügte Pope Unregelmäßigkeiten ein, die von der barocken Struktur ablenken sollten.

Betrachtet man die weitere Entwicklung des englischen Landschaftsgartens, so war Twickenham nicht mehr als ein erster Versuch - auf kleinem Raum noch mit vielen verspielten Rokokoelementen. Aber schon 1715 begann der Earl of Burlington nach seiner Rückkehr aus Italien mit der Umgestaltung des Gartens in Chiswick, beraten von seinem Freund Alexander Pope. Der ebenfalls von seiner Italienreise inspirierte Maler William Kent (1684-1748) war es dann, der Chiswick später von weiteren barocken Relikten befreite. Es waren weniger professionelle Gärtner, die den Siegeszug des Landschaftsgartens vorantrieben, sondern Künstler und Intellektuelle wie Alexander Pope.

Dezember 2018

KW