Christian Cay Lorenz HirschfeldEin Pfarrerssohn aus Kirchnüchel bei Eutin als Reformator der Gartenkunst in Deutschland? Ein Waisenknabe aus der Lateinschule der Franckeschen Stiftungen, von seinen adeligen Paten unterstützter Student der Theologie in Halle und Kiel, Kabinettssekretär des Fürstbischofs von Lübeck, Friedrich August,[1] in der Residenz Eutin und Lehrer der Gottorfer Prinzen – Reformator der Gartenkunst in Deutschland?

Tatsächlich war der Schleswig-Holsteiner Christian Cay Laurenz Hirschfeld (1742-1792) ein solcher Reformator - ein großer Name in der Gartenkunst des 18. Jahrhunderts. Weit über die deutschen Länder hinaus reichte Hirschfelds Ruhm. Seine Werke musste jeder, der in der Gartenkunst (und weit über die Gartenliebhaberei hinaus) auf der Höhe der Zeit stand, kennen und nutzen - ein großer Mann, der im 19. und 20. Jahrhundert in Vergessenheit geriet, auch weil

das Zeitalter der Technik und des Machbaren an Theorien nicht interessiert war. Machen wir ihn und seine Gedankenwelt uns Heutigen wieder vertrauter.

Dafür haben wir für die März-Veranstaltung des Zweiges Schleswig-Holstein Hirschfelds Biographen, den Kieler Dozenten Dr. Wolfgang Kehn, gewonnen, um über den "Gartentheoretiker der Aufklärung" (Wikipedia) und die gedankliche Einbindung in eine Zeit zu sprechen, in der die Entdeckung der Landschaft zu einem für den modernen Menschen zentralen ästhetischen Wert wurde.

Der Dozent Dr. Wolfgang Kehn, ehemaliger Wissenschaftlicher Direktor am Institut für Neuere deutsche Literatur und Medien der Christian-Albrechts-Universität Kiel, verfasste zum 250. Geburtstag und 200. Sterbetag Hirschfelds im Jahre 1992 die bisher einzige Biographie Hirschfelds. Dr. Kehn blieb auch nach seiner Emeritierung auf Hirschfelds Spuren. Seine Forschungstätigkeit gilt den Beziehungen zwischen Sozialgeschichte und Ästhetik vom 17. bis 20. Jh. sowie der Literatur und Kunst im Zeitalter der Aufklärung. Ein wichtiger Aspekt ist für ihn dabei, angeregt durch Hirschfelds Werke, die Geistesgeschichte der Gartenkunst.

Hirschfelds Gedanken zur Gartenkunst stehen in engem Kontext zur Aufklärung und der Entdeckung der Natur als ästhetische Erfahrung. Die Landschaft galt bis dahin als wilde, erschreckende Natur, der Garten war „künstliche Gestaltung in regelmäßiger Form“. Bis zurück in die Gärten Mesopotamiens waren Gärten eine abgegrenzte Fläche in geometrischen Formen. Dies war zweckmäßig und zugleich „schön“, so wie wir es aus Versailles oder Hannover Herrenhausen kennen.

Innerhalb einer Generation wandelte sich diese Einstellung vollkommen. Frankreich hatte seine politische Revolution 1789, in Deutschland begann die Gartenrevolution. So bemängelte Friedrich Schiller 1795, dass die Gartengestaltung lange Zeit nur als Fortsetzung der Architektur der Gebäude gesehen wurde und sich als „geistloses Ebenmaß der Bauten“ dargestellt habe. Stattdessen solle – so Hirschfeld im 1. Band seiner „Theorie der Gartenkunst“ – der Garten der „Erquickung“ und der „Aufhellung der Seele“ dienen. ZU diesem Zweck empfahl er eine künstlerische Gestaltung der Gärten mit Obelisken, Vasen, Gedenksteinen, Tempeln und Statuen. So konnte es auch wichtig sein, die Wege in der richtigen Folge zu durchwandern, um die Wirkungen auf die Seele erfahrbar zu machen.

Seine Gedanken legte Hirschfeld in seiner fünfbändigen "Theorie der Gartenkunst" (1779-1785 erschienen) nieder, ein aufwändig mit erstklassigen Kupfern gestaltetes Werk, das jedem Gebildeten der Zeit vertraut war (das sich aber des hohen Preises wegen schlecht verkaufte und eher von Gutshaus zu Gutshaus ausgeliehen wurde ).

Schon Hirschfelds erste Publikation „Das Landleben“ hatte großen Erfolg. 1771 erschien es bereits in dritter Auflage. Hirschfeld betrachtet die Natur nicht unter dem ökonomischem, sondern dem ästhetischen Aspekt. Gott habe gewollt, dass die Seele des Menschen an der Natur einen Gegenstand ästhetischen Vergnügens finde. Dafür habe er gesorgt, in dem er der Natur Schönheit verliehen habe. Die Bilder landschaftlicher Natur, wie z.B. die Ansichten des Kellersees, dienten Hirschfeld zur Analyse des Naturschönen – was ist es, das die Schönheit ausmacht und die Wirkungen auf die Seele bewirkt? Hirschfeld wollte diese Wirkungen genau untersuchen. Goethe kritisierte diesen Ansatz. Er hatte offenbar die zweite Auflage des „Landlebens“ gelesen, als er 1769 schrieb, man solle die Schönheit nicht zergliedern, indem man das Geheimnis des Schönen dem menschlichen Verstand zugänglich zu machen versuche.

Der Garten soll Empfindungen erzeugen, durch die Betrachtung harmonischer Anlagen den Sinn für Schönheit schärfen und so – folgert Hirschfeld - auch den Willen zu einem harmonischen Leben entwickeln. Die ästhetische Erfahrung wird moralische Wirkungen zeugen. Der so Geprägte werde keine Freude mehr an höfischem Glanz und seinen festgefügten sozialen Rollen finden. Er werde vielmehr in die Geselligkeit Gleichgesinnter fliehen.

Hirschfeld fordert, den Genuss der Natur für alle Menschen zu öffnen. Es sei deswegen erforderlich, Gärten für die Bürger zu öffnen. In diesem Sinne entstanden der Wiener Prater oder der Berliner Tiergarten, war es Bürgern und Besucher von Beginn an möglich, den Wörlitzer Park zu durchtreifen und die Harmonie der Anlage auf die Sinne wirken zu lassen.

Nichts mehr also von den architektonischen Fesseln des Gartens. Hirschfelds „Theorie der Gartenkunst“ fand reichlich Anwendung, so wurde z.B. der barocke Eutiner Schlossgarten zum Landschaftspark, der Landgraf von Hessen-Kassel ließ den Garten von Weißenstein, heute bekannt als Wilhelmshöhe, umgestalten. Hirschfeld wurde angeboten, dessen Leitung übernehmen, er lehnte das ehrenvolle Angebot jedoch ab. Er war Philosoph und wäre den praktischen Anforderungen der Umsetzung seiner Theorien nicht gewachsen gewesen. Dies erkannte er selbst. Gleichwohl nannten ihn seiner Schüler „Deutscher Vater der Gartenkunst“.

Hirschfelds Leben müssen wir uns nicht von Harmonie geprägt vorstellen. Eine Bildungsreise in die Schweiz, auf der er die beiden jungen Schützlinge des Fürstbischofs begleitete, endete in seiner Entlassung. Auseinandersetzungen mit dem von Katharina der Großen ernannten Reisemarschall Friedrich von Staal, der sogar Hirschfelds Moral in Zweifel zog, waren der Grund. Erst 1771 wurde Hirschfeld rehabilitiert, indem die Zarin ihm das Amt des Sekretärs beim Akademischen Kuratelkollegium der Universität Kiel verlieh. Zudem erhielt er die Stellung eines „professore philosophiae extraordinaire“ , die ihm eine – unbezahlte – Lehrtätigkeit zur schönen Literatur und zur Geschichte der freien Künste ermöglichte. 1773 wurde Hirschfeld zum ordentlichen Professor ernannt.

Hirschfelds Vorlesungen waren nicht auf die Ausbildung zu Brotberufen gerichtet. Sie gaben denen , die es sich leisten konnten, abseits der Höfe und ihrer Zwänge ihr Leben im Privaten zuzubringen und die dabei nach individueller Bildung des Geistes strebten, nach Vernunft, Moral und Natürlichkeit. Das Ich sollte „sich als Individuum fühlen“; ihre Gärten sollten mit dem Herzen gestaltet werden. Es hieß: „Was mein Herz fühlt, fühl‘ nur ich. Was mein Kopf denkt, kann jeder denken.“

Von Hirschfeld stammt die Idee, in Kiel eine Forstbaumschule anzulegen, um an Ort und Stelle robuste Gehölze zu ziehen. Sein Wunsch, die Leitung der Einrichtung zu übernehmen, verwirklichte sich zu seinem Kummer nicht. Im Gegensatz zu den heutigen Gegnern einer Globalisierung bei der Pflanzenauswahl begrüßte Hirschfeld die zu seiner Zeit neuen amerikanischen Arten; sie seien neben den schätzenswerten einheimischen Arten eine Bereicherung, weil sie "bey der Anlegung besonderer Szenen zu ihrer stärkeren Charakterisierung dienen."[2]

Erfolgreich war er aber in seinem Engagement für den Obstbau in Schleswig-Holstein. Sein Ziel war es, über die Gärten der herrschaftlichen Häuser hinaus den Obstbau auch in der Breite des Landes zu etablieren. Dies gelang ihm, ausgehend von der Fruchtbaumschule am Kieler Düsternbrook.

Sein Handbuch der „Fruchtbaumzucht“ (1788) empfahl, der „zwar langsamen, aber sicheren Ordnung der Natur zu folgen“. Das bedeutete, keine verwöhnten jungen Bäume aus milden Gegenden aufzukaufen, sondern sie lieber aus Samen auf ungedüngtem Boden heranzuziehen, um die „Keimlinge nicht weichlich, sondern vielmehr hart zu erziehen“. Die jungen Bäume sollten Zeit genug haben, sich an die härteren Lebensbedingungen zu gewöhnen. Damit wollte Hirschfeld die Lage der Bauern auf den weniger fruchtbaren Geestrücken durch Einbürgerung der Obstbaumkultur verbessern. Hirschfeld hielt öffentliche Vorträge und unterrichtete Dorfschullehrer in der Obstbaumkultur. An seinen Freund Nicolai schrieb er 1788 nach einer lebensbedrohlichen Krankheit, vermutlich eine chronische Malaria, verbunden mit sog. Wassersucht: „Jetzt lebe ich wieder auf, da ich seit einiger Zeit als der Direktor der hiesigen Königl. Grossen Landbaumschulanstalt in der herrlichsten Gegend von Deutschland mit einem schönen Landsitz gebildet habe, wo ich mich beständig aufhalte und für die Nachwelt pflanze.“ Auf diesem „Landsitz“ vorzusprechen versäumte kaum ein an Aufklärung interessierter Besucher in Kiel, um den „berühmten Mann selbst zu besichtigen“ – und die herrliche Aussicht von seinem Haus über die Kieler Förde zu genießen.

Bis 1788 hatte Hirschfeld so 80.000 Bäume ziehen lassen und man konnte mit der Auslieferung beginnen. Die Obstbäume wurden nach einem bestimmten Plan unentgeltlich in den Ämtern des Landes verteilt. Mancher Bauer erhielt 50-100 Stück. Der Amtmann des Amtes Hütten im Herzogtum Schleswig, v. Rumohr, bat die Rentenklammer darum, die Bauern seines Amtes zu ihrem Glück zwingen zu dürfen und den Befehl zum Anbau von Obstbäumen zu erteilen. Auch die adeligen Gutsbesitzer versorgten sich gerne aus der Düsternbrooker Baumschule mit robusten Obstbäumen.

Mit der Obstbaumschule hatte Hirschfeld ein praktisches Betätigungsfeld gefunden – bei den Zeitgenossen genoss er weiterhin den Ruhm als geistiger Vater der landschaftlichen Gartenkunst. Ein Gartenfreund im Süden Deutschlands schuf in seinem Garten schon zu Hirschfelds Lebzeiten einen Andachtsort für ihn, indem er eine Urne setzte. Der „Gartenkalender“ von 1789 bildete einen Gedenkstein ab, ebenso das „Taschenbuch für Gartenfreunde“ von 1795. Auch im sächsischen Seifersdorfer Park entstand ein Denkmal für Hirschfeld.

Trotz aller Ehrungen blieb sein Wunsch, Mitglied der Kopenhagener Akademie der Künste zu werden, unerfüllt. Aber schließlich wurde ihm doch noch wissenschaftliche Anerkennung zuteil. Um die Jahreswende 1784/85 nahm ihn die Königlich Norwegische Gesellschaft der Wissenschaften als Mitglied auf und 1788 berief ihn die „Preußischen Academie der Schönen Künste und Wissenschaften“ zum Ehrenmitglied. Im Begleitschreiben erklärte sie, dass sie die Gartenkunst für eine ihrer schönsten Schwestern halte, die den ersten Platz neben der Landschaftsmalerei verdiene. Was für eine Zeit: Die Gartenkunst als Schwester der bildenden Künste!

Hirschfelds zweite Ehefrau starb 1789, und im folgenden Jahre verschlechterte sich auch seine Gesundheitszustand wieder. Die Wassersucht kehrte zurück und führte zu andauernder Bettlägerigkeit. Hirschfeld starb am 20. Februar 1792 und wurde, umgeben von Trauerweiden, auf dem St. Jürgen-Kirchhof begraben.

Mit diesem Lebensbild bereitete Dr. Kehn den Zuhörerinnen und Zuhörern eine große Freude. Den Blick zu weiten für die Gartenkunst und an die Männer und Frauen zu erinnern, die sie geprägt haben, auch das gehört zu den Zielen unserer Gesellschaft. Der Nachmittag mit Dr. Kehn hat zu diesem Bestreben einen Beitrag geleistet, der viel Anregungen zum Weiterdenken gibt. Eine empfehlenswerte Möglichkeit zum „Nach-Denken“ gibt das Buch „Der Garten der Romantik“ von Hans von Trotha, 2016 im Berenberg Verlag erschienen.

Auch wenn Hirschfelds Gedanke, das Empfinden für die Harmonie der Natur werde auch zu moralischer Haltung führen, schöne Theorie bleibt, so sollten wir dem verpflichtenden Schlusswort Dr. Kehns folgen: „Gott schuf die Welt – der Mensch verschönt sie.“

Karin Wiedemann
März 2019

(Die Zitate entstammen dem Buch Dr. Wolfgang Kehn, „Christian Cay Lorenz Hirschfeld – Eine Biographie“, 1992, Wernersche Verlagsgesellschaft)

 


[1] Friedrich August von Holstein-Gottorf (1711-1785) Fürstbischof zu Lübeck, Herzog von Oldenburg

[2] Theorie der Gartenkunst, Band 2, Seite 14-75, zitiert nach Clemens August Wimmer, Lustwald, Beet und Rosenhügel, Geschichte der Pflanzenverwendung in der Gartenkunst, Seite 202