Die Haseldorfer Marsch an der Elbe - eine ErkundungFür unsere erste Exkursion unter Corona Bedingungen am 19. September traf das bestellte sonnige Spätsommerwetter ein und begleitete eine kleine Gruppe von 14 Teilnehmern (darunter vier interessierte Gäste) durch den Tag. Nahe des Haseldorfer Hafens zeigt eine der größten öffentlich zugänglichen Obstsortensammlungen in Deutschland über 180 verschiedene, alte und lokale Sorten von Äpfeln, Pflaumen und Birnen, die heute nicht mehr im Handel sind; sie sind zu unzuverlässig, weil alternierend, sie sind zu klein, zu krumm, zu gefurcht für den Supermarkt, aber sie sind - wie wir uns überzeugen konnten - außerordentlich wohlschmeckend. Das Obst im Haseldorfer Garten darf für den eigenen Bedarf in kleinen Mengen gepflückt werden, wovon Familien an diesem Samstag reichlich Gebrauch machten. Schon unter den knorrigen Bäumen zu flanieren, ist eine Freude. Unsere Gruppe unter kundiger Führung probierte natürlich auch die reifen Äpfel, darunter den bildschönen Danziger Kantapfel.

Die Haseldorfer Marsch an der Elbe - eine Erkundung

 

 

 

 

 

 

 

Die Haseldorfer Marsch an der Elbe - eine ErkundungEin weiteres Ziel an diesem Septembernachmittag waren die Kirche und der Park des Haseldorfer Schlosses. St. Gabriel wurde zwischen 1200 und 1250 gebaut und gilt als bedeutendster spätromanischer Backsteinbau in den Elbmarschen. Der wildromantische Park des Herrenhauses ist einer der ältesten Arboreten Norddeutschlands. Wir sahen würdige alte Baumgestalten: Gurkenmagnolie (Magnolia acuminata), Tulpenbaum (Liriodendron tulipifera), Hemlockstanne (Tsuga canadensis), Mähnenfichte (Picea breweriana), schlitzblättrige Buche (Fagus sylvatica ‘Asplenifolia‘) und natürlich die alten Eiben, Eichen und geschnittenen Lindenalleen. Der wertvolle Baumbestand im Park inspirierte die Werke Rilkes und Liliencrons, die sich auf Einladung des Dichterprinzen Emil von Schoenaich-Carolath-Schilden (1852 - 1908) in Haseldorf aufhielten wie zuvor schon der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock, der Ende des 18. Jahrhunderts einer der bekannten Gäste des Gutes in Haseldorf war. Sein Werk "Der Messias" soll zu Teilen dort entstanden sein. An ihn erinnern die sogenannten Klopstock Linden, die den Erzählungen nach ihren Namen von einem Gedicht Klopstocks über die Tochter des damaligen Eigentümers, die schöne Henriette, ableiten.

Rainer Maria Rilke (1875–1926) besuchte Haseldorf in den Jahren 1901 und 1902. In Briefen an Freunde und an seine Frau beschreibt er den Park, so am 25.6.1902 an den Worpsweder Maler Otto Modersohn: „Der große Park um das Schloss ist nicht zu gepflegt und wirkt vor allem durch seine Riesenbäume. Es gibt Linden und Kastanien wie Berge; Bäume mit dunkelroten Blättern (ich weiß nicht, wie sie heißen), die wie Träume sind, und Nadelhölzer, irgendwelcher fremdländischer Art, mit langen zottig hängenden Zweigen, die an das Fell urweltlicher Urtiere erinnern. Und das
Blühen all dieser großen, alten Azaleenbüsche und ganzer hoher Hänge von Jasmin!1. Man nimmt an, dass Rilkes Gedichte vom Aufenthalt in Haseldorf beeinflusst wurden, wie zum Beispiel sein bekannter „Herbsttag“, dessen Text
Sie am Schluss dieses Berichtes finden.

Die Haseldorfer Marsch an der Elbe - eine ErkundungSeestermühe war unser drittes Ziel, das Elke Priess-Hoffmann für uns ausgesucht hatte - man/frau musste schon gut zu Fuß sein an diesem Tag. Über 600 Meter misst die vierreihige barocke Lindenallee, die wir entlanggingen, bis hin zu dem bezaubernden achteckigen Pavillon am Ende der Allee. Wer wollte dort nicht wohnen!

Die Haseldorfer Marsch an der Elbe - eine Erkundung

 

 

 

 

 

 

 

 

Herbsttag

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke, 21.9.1902, Paris

 

1 Zitiert nach Bauernblatt online.com 8.4.2020