Blaetterrauschen Nr 59 Lebensraum Blick ins HeftLiebe Gartenfreundinnen, liebe Gartenfreunde,

zu Jahresbeginn erreichten die Corona-Infektionszahlen neue Höchstwerte. Dennoch lässt sich absehen, dass wir im Sommer 2022 wieder ein (fast) normales Leben führen werden. Die akute Gefährdung ist damit (hoffentlich) vorbei, doch Heilungsprozesse dauern viel länger – dies spüren nicht nur Long-Covid-Patienten am eigenen Leib. Es scheint so, dass nach zwei Jahren Pandemie eine ganze Gesellschaft der Heilung bedarf: Tiefe Gräben, die sich plötzlich mitten durch Familien und Freundeskreise bildeten, lassen sich nicht in zwei, drei Wochen wieder schließen. Gärten waren in den vergangenen Monaten nicht selten der einzige Raum im Freien, der während Quarantäne-Pflichten Fluchtmöglichkeiten aus der Wohnung bot (welch Privileg, einen Garten zu besitzen!). Gärten waren Plätze, an denen wir Covid-19 vergessen konnten. Und wieder könnten es Gärten sein, die als geschützter, vertrauter Raum Möglichkeiten der Annäherung mit andersdenkenden Menschen bieten. Hier ist die Besinnung auf die Dinge möglich, die das Leben lebenswert machen. Heilung ist ein umfänglicher Begriff, wie diese Ausgabe von blätterrauschen zeigen wird. Die positiven Effekte von Gärten und Pflanzen auf die menschliche Psyche sind unbestritten.

Ebenso unbestritten ist, dass Gärten Brücken bauen können. Ob diese ausreichend tragfähig sind, wenn es um eine ganz andere Wunde geht, die im östlichen Europa seit Februar klafft, wird vielleicht die Zukunft zeigen. Marios Czajas Initiative für den Bau eines russischen Gartens in den Berliner „Gärten der Welt“ zu Jahresbeginn scheint aktuell wenig realistisch. Doch die Idee des CDU-Generalsekretärs, der im Bezirk Hellersdorf-Marzahn seinen Wahlkreis hat, ließe sich bei einem (hoffentlich nahen) Ende des Krieges durchaus weiterdenken: Ein russisch-ukrainischer Garten. Es muss ja keine zwanghaft auferlegte Freundschaft sein, die die schreckliche Gegenwart übertünchen soll. Vielmehr könnte gezeigt werden, wieviel Verbindendes es zwischen den beiden Nationen in der (Garten-)Kultur gab und gibt. Vielleicht ist diese Vorstellung etwas naiv, doch jeder kleiner Schritt aufeinander zu ist ein kleiner Schritt in die richtige Richtung – auch das ist Heilung.

Ihre und Eure Antje Peters-Reimann und Jonas Reif

 

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