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Cover Aigle GartenEin Buch von mehr als 200 Seiten über einen einzigen Garten und das auch noch ganz ohne Bilder -kann da die Lektüre Freude machen? Ja, und sie ist von der ersten bis zur letzten Seite nicht nur spannend, sondern äußerst inspirierend und im besten Sinne des Wortes lehrreich, ohne dabei langweilig-dozierend zu sein. Doch wer war eigentlich Alma de l’Aigle und wo lag ihr Garten beziehungsweise das, was davon übrig ist? De l’Aigle (1889–1959) war Volksschullehrerin und Reformpädagogin, Autorin mehrerer Kinder- und Gartenbücher und Mitbegründerin des Deutschen Kinderschutzbundes. Geprägt von den Zerstörungen des Krieges und den Schrecken der Naziherrschaft verfasste sie 1948 ein Buch über den Garten ihrer Kindheit. Der Vater hatte das Grundstück 1888 in Hamburg-Eppendorf von einem ehemaligen Stück Acker in einen paradiesischen Zier- und Nutzgarten verwandelt und dort ein Haus gebaut. Hier wohnte die Großfamilie und

hegte und pflegte ihren Garten, der mit seinem jahreszeitlichen Rhythmus und den sich daraus ergebenden Arbeiten von der Aussaat bis zur Ernte das Leben aller Familienmitglieder prägte.

Wie Alma de l’Aigle über den Garten und seine Pflanzen schreibt, ist bis heute unerreicht. Ihr Stil so anschaulich und alle Sinne ansprechend, dass man den Garten fast vor seinem inneren Auge zu sehen glaubt. Man meint die erntereifen Früchte zu berühren, die Aromen, die ihnen entströmen, wenn eine reife Pflaume aufgeplatzt in der Hand ihres Pflückers liegt. Wie herrlich schreibt die Hamburgerin von all den einst weit verbreiteten Obst- und Gemüsesorten, die man heute nur noch bei wenigen Bauern und auf gut sortieren Wochenmärkten, meist aber gar nicht mehr zu kaufen bekommt – Obst und Gemüsesorten, die auf so klingende Namen hören wie etwa Brietzer Eierpflaume, Klapps Liebling oder Esperens Herrenbirne. Man folgt der kleinen Alma und ihren beiden Schwestern bei ihren Abenteuern im Garten, wenn sie etwa für sich einen kleinen Lehmherd bauen, in ihrem eigenen Gartenbereich erste gärtnerische Erfahrungen machen oder eines der Mädchen im Erdkeller einer Kröte begegnet. Wer all diese Beschreibungen aus einer Zeit liest, in der ein Garten im Leben der Menschen noch eine ganz zentrale, weil lebenserhaltende, aber auch alle Sinne beglückende Rolle spielte, dem wird ein wenig wehmütig ums Herz. Wie viele dieser alten Pflanzen, dieses alten Gärtnerwissens scheint unwiederbringlich verloren – oder doch nicht? Dieses so kleine und dabei so ganz besondere Büchlein macht Lust, dieser alten Gartenkultur nachzuspüren und im eigenen Garten wieder ein Stück Heimat zu geben! Wie gut, dass der Verlag Matthes & Seitz Alma de l’Aigles Buch „Ein Garten“ zu einer Neuauflage verholfen hat. Von Alma de l’Aigles echtem Garten existiert heute leider nur ein verschwindend geringer Teil, der kaum noch etwas von dem grünen Paradies spüren lässt, das dieser Ort einst gewesen ist. Traurig, wie schnell Gärten ohne Liebe und Pflege vergehen!

Alma de l'Aigle, Judith Schalansky (Hg.): Ein Garten, Naturkunden Bd. 52, Matthes & Seitz 2019.

Antje Peters-Reimann