Brexit soft oder hard, das ist noch nicht entschieden. Doch nach dieser wunderbaren Gartenreise in die Cotswolds ist klar, der typisch englische Staudengarten hat sich Europa zugewandt und kontinentalen Einflüssen geöffnet: die traditionelle „mixed border“, in der aufrecht stehende, in größeren Gruppen und gestaffelt gepflanzte Prachtstauden dem Farbschema einer Gertrude Jekyll folgen, ist vielerorts wiesenähnlichen Blumenflächen gewichen: Da bewegen sich Wildblumen und Gräser im Wind, Einjährige wachsen neben neuen Staudenzüchtungen und Gewächsen der amerikanischen Prärie.

tom stuart smith 3Tonangebend für diese, auch „new German style“ genannte Richtung der englischen Gartengestaltung ist der Landschaftsplaner Tom Stuart-Smith. Sein Privatgarten „The Barn“ stand am Anfang unserer einwöchigen Besichtigungstour. Mir wird vor allem der Innenhof seines Wohnhauses im Gedächtnis bleiben: Vier gelb blühende, sonnendurchflutete Ginsterbäume (Genista aetnensis) an den Eckpunkten dieses intimen „hortus conclusus“ prägen das Bild. Das Sonnenlicht fällt durch ihr filigranes Blütendach und der sonnenhell blaue Himmel zeigt kein einziges Wölkchen. In den stillen dunklen Wasserflächen zweier Corten-Stahlbecken (zwei Überbleibsel der Chelsea Flowershow) spiegeln sich Pflanzen und Besucher. Die rostfarbenen Behältnisse erheben sich aus einem farblich perfekt kombinierten Blumenmeer, in dem

dunkler Salbei und magentafarbene Astrantien den Ton angeben.

 

tom stuart smith 9Nicht weit vom Haus experimentiert Stuart-Smith mit einer Präriepflanzung. Hier stehen Pflanzengemeinschaften aus unterschiedlichen Gegenden der Welt beieinander. Welch ein Kontrast zum raffiniert gestalteten Hofgarten! Daneben ein Gemüsegarten, in dem prächtigste Rittersporne wie Zinnsoldaten in einer Reihe stehen. Schließlich machen wir uns auf den Weg zum abgelegenen Schwimmteich. Er führt zunächst über eine gepflegte Rasenfläche entlang hoher Säuleneiben, die rechts und links Blicke in unterschiedlich gestaltete Gartenzimmer erlauben. Diese eher traditionelle Gestaltung kontrastiert dann wieder mit dem Schwimmteich in einer naturbelassenen Wiese, aus der ein weißes Zeltdach ragt – der geschützte Sitzplatz der Familie und ihrer Gäste.

Als sei dieser Garten nicht schon eindrucksvoll genug für den Anfang, erwartet uns Toms Schwester Kate gleich nebenan in der „Villa Serge Hill“, dem Familiensitz. Dort genießen wir, am Pool im Schatten sitzend, Kuchen, Tee und Kaffee mit dem freien Blick in die Landschaft von Hertforshire, bevor wir uns auch noch Kates sehenswerten Garten anschauen.

Verschwitzt und auch ein bisschen erschöpft erreichen wir abends unser gemütliches Hotel in dem historischen Örtchen Woodstock. Von hier aus schwärmen wir morgens um 9 Uhr gut gelaunt in die sehenswerten Gärten in der näheren Umgebung aus. Sobald der Bus eine der schmalen Landstraßen erreicht hat, gibt eine Guten-Morgen-Geschichte von Susanne und anschließend sorgt Wolfgang mit launigen Versen von Heinz Erhardt für gute Stimmung.

Und dann ab in die Gärten! Zumeist werden wir von den Eigentümern oder ihren Obergärtnern/Innen empfangen. Da ist zunächst „Pettifers“, wo uns die charmante Polly durch „ihren“ exquisit bepflanzen Garten führt, während zwei quirlige weiße Scottish Terrier übermütig auf dem zentralen Rasenrechteck balgen. Komplimente, was die harmonische Pflanzen- und Farbkombinationen angeht oder das Zusammenspiel von Stauden und Gräsern, weist Polly energisch zurück: Die Gestaltung der Beete sei ganz und gar Sache ihrer Chefin, der Eigentümerin Gina Price.

Bis gegen 11 Uhr vormittags ist es immer erstaunlich kühl. Doch wenn die Sonne dann den Weg durch die Wolken geschafft hat, dann klettert die Temperatur ganz schnell auf fast 30 Grad, und die Sonnenhüte werden herausgeholt. So schlendern wir „behütet“ durch den spektakulären Garten von „Broughton Grange“ – ein Tom Stuart-Smith raffiniert gestalteter Terrassengarten mit viel Wasser, wogenden Blumenbeeten und einem Buchsbaum-Parterre zum Abschluss. Besonders beeindruckend ist die Terrasse, die von einem quadratischen Wasserbecken beherrscht wird, über das man auf Trittsteinen wandeln und den Blick zum einen in die Landschaft, zum anderen in das artenreiche Staudenbeet genießen kann.

Ziemlich neu, in einem schattigen Teil des Gartens angelegt, ist die „Stumpery“, ein sogenannter „stump-garden“, ein Gartenfeature, das ich noch nicht kannte. Idealerweise ist es eine mit Bedacht arrangierte Ansammlung von Baumstümpfen mit skulpturalen Qualitäten, zwischen denen Farne, Moose und Flechten gepflanzt sind. Eine der zahlreichen viktorianischen Verrücktheiten, die dem damals wachsenden Interesse an Farnen entgegenkam. Zurzeit sind die „stumperies“ wieder im Kommen, es heißt aus ökologischen Gründen, denn sie gelten als ein geeignetes Habitat für allerlei Insekten. Auch Prinz Charles hat in Highgrove eine vielgestaltige „stumperie“ angelegt, die eine der größten Englands sein soll.

Da wir insgesamt vierzehn Gärten besichtigt haben, ist es unmöglich, hier auf jede Anlage einzugehen. Einer der wenigen nicht privaten Gärten, die wir besuchten, war der Botanische Garten von Oxford. Hier konnten wir die Forschungsergebnisse zum Thema „neue Staudenpflanzungen“ ansehen. Gleich danach wurden wir mit britischer Tradition konfrontiert: Für die seit mehreren hundert Jahren gepflegte Rasenfläche im Eingangsbereich des „Worcester College“, ist ein Gärtner beschäftigt und den Studenten ist es unter Strafe verboten, den Rasen zu betreten! Zum Glück geht es im Rest des Gartens entspannter zu. Man sagt sogar, manche Studenten hätten sich wegen der pittoresken Parkanlage im Worcester College angemeldet. Unter alten Bäumen, angesichts des romantischen Sees und der abwechslungsreichen Beetbepflanzungen entlang der Gebäude, lässt es sich bestimmt gut lernen.

Und noch einmal gab es Tradition pur: Beim klassischen Landschaftspark von Rousham glaubt man vor dem Werk eines Landschaftsmalers des 18. Jahrhunderts zu stehen. William Kent hat hier Mitte des Jahrhunderts ein Meisterwerk geschaffen: Leicht geschwungene Weiden mit ausladenden Solitären unter denen die Longhorn-Rinder weiden. Wir finden Tempel und Ruine, begegnen Venus und Apollo; im Vordergrund trennt ein Hahah die Weide vom schlossnahen Garten. Schließlich stört ein provokanter Aufkleber an der Schlosstür die Idylle: „I am not European. I am British!“

Upton Wold 43Typisch für die Gärten in den Cotswolds ist ihre Hanglage. Deshalb sind sie häufig terrassiert, und man blickt in die bildschöne, sanft hügelige Landschaft. Das ist die „geborgte Landschaft“, die möglichst eine ästhetische Einheit mit dem Haus und dem Garten bilden sollte. Passend dazu erzählt uns die Hausherrin von „Upton Wold“ von der ersten Begegnung mit ihrem jungen Landschaftsarchitekten. Der kam in Begleitung einer alten Lady an Krücken, die sich auf eine Bank setzte und ihrem jungen Kollegen den Rat gab: Wenn die Besitzer den Blick zupflanzen wollen, geh sofort nach Hause! Wenn er frei bleiben darf, nimm den Auftrag an! Er hat den Auftrag angenommen und der von hohen Eibenhecken eingerahmte Blick in die Landschaft bildet das Zentrum des Gartens. Trotzdem bleibt Platz für Blumen, Obst und Gemüse, vor allem aber für das Aboretum des Hausherrn, der sich auf das Sammeln von Walnussbäumen spezialisiert hat und Englands nationale Walnuss-Sammlung betreut.

Ein anderer passionierter Pflanzensammler ist John Massey, Eigentümer der berühmten „Ashwood Nurseries“ westlich von Birmingham. Als Züchter von Heleborus, Hepatica, Cyclamen und vielem mehr hat er sich international einen Namen gemacht und zahlreiche Preise gewonnen (unter anderem eine Goldmedallie auf der Chelsea Flower-Show). Persönlich führt Massey uns durch „Johns Garden“, seinen geschmackvoll und abwechslungsreich angelegten Sammlergarten. Während John uns seine Schätze zeigt, merkt man, wie sehr er für seltene Gehölze aus aller Welt brennt, und es zeigt sich wieder einmal, wie interessant und oftmals herzerfrischend die Begegnungen mit den gärtnernden Hausherren oder ihren Obergärtnern sind.

Immer wieder taucht während unserer Reise der Begriff der „Arts and Crafts“ Bewegung in Bezug auf den Stil einiger Landhäuser auf. Diese Gegenbewegung zur Industrialisierung prägte ab Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche Landhäuser und ihre Gärten. Dabei ging es um die Rückbesinnung auf natürliche Materialien, Qualitätshandwerk und schlichtes Design. „Rodmarton Manor“ ist dafür ein eindrucksvolles Beispiel: Die Bausteine und das Holz stammen aus der Gegend, vieles wurde in den eigenen Werkstätten fabriziert. Haus und Garten werden nun in der dritten Generation von der Familie Rudolph bewohnt, wobei allerdings ein großer Teil des Hauses als Museum betrieben wird, in dem wir uns die eigens für das Haus gefertigten Möbel und Wanddekorationen ansehen durften.

Auch David Wheeler, der Herausgeber des anspruchsvollen Gartenmagazins „Hortus“, lebt in einem Arts and Crafts Haus. Die Grundstrukturen des Gartens von „Bryans Ground“ stammen noch aus dieser Zeit, wurden aber mit zeitgenössischen Inhalten gefüllt und ergänzt. Mit einem wellenförmig gestalteten Wasserkanal grüßt den Besucher die Moderne. Leider seien wir eine Woche zu spät, um das blaue Irisfeld rechts und links des Wassers in voller Blüte zu erleben. Schade, aber in den zahlreichen kleinen Heckenkabinetten gibt es noch genug zu sehen. Moderne Rabatten, dunkle Wasserspiegel, historische und moderne Skulpturen sowie überraschende Arrangements kurioser Sammlerobjekte. Hier verbindet sich Formales mit Wildem und Skurrilem. Das sorgt für Spannung. Mal ist der Besucher verblüfft, mal amüsiert oder verzaubert; mal schaut er verständnislos auf alte Koffer oder ein rostiges Metallbett. Andere stört der Grad an „Verwilderung“ durch in die Wege ragende Sträucher oder die Selbstaussaat vieler Blumen. Doch über Langeweile kann sich niemand beklagen!

Througham court gardens 25Througham court gardens 17Gleiches gilt für „Trougham Court“, den „naturwissenschaftlichen Garten“ der Gartengestalterin Christine Facer. Der Gedanke an Charles Jencks und seinen „Garden of Cosmic Speculation“ liegt auf der Hand. Auch Facer ist Naturwissenschaftlerin, und in „Trougham Court“ gilt es Symbole zu entschlüsseln, die für die unsichtbare, geheime Ordnung der Welt stehen: Da werden Moleküle ins Bild gesetzt, Fibonacci-Zahlenfolgen bestimmen die Pflanzung einer Birkenreihe, die Skulptur einer DNA-Sequenz erinnert an den Bauplan des Menschen. Ohne Christines Erläuterungen blieb dem Gartenliebhaber vieles verschlossen. Doch auch dann könnte man die ästhetische und sinnliche Qualität der Pflanzungen und zahlreicher Bilder genießen. Ein schwarzer Bambuswald mit den flackernden Sonnenstrahlen zum Beispiel: Ein magischer Ort von großer Schönheit. Der Blick in das schwarze Wasserloch des „Starburst Pools“ ist wie eine Einladung, sich in das Geheimnis des Erdinneren zu versenken. Und die „Royal Steps“, eine mit rotem Teppich belegte Treppe irgendwo im Garten, fragt augenzwinkernd, wer wollte nicht schon immer einmal auf dem roten Teppich „Königliche Stufen“ erklimmen?

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Renate Hücking

Impressionen

Tagesausflug in die Vierlande

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Impressionen

Kurzreise nach Rügen

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Impressionen

Dänemark-Reise der Gartengesell- schaft

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Impressionen

Tagesausflug nach Schwansen und Angeln

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