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Derzeit erscheinen immer mehr Bücher, deren Titel die Botaniker herausfordern und die Neugier des interessierten Laien wecken. Es geht im Einzelnen um Titel wie Kluge Pflanzen, Was Pflanzen wissen, Das geheime Leben der Pflanzen und sogar Die Intelligenz der Pflanzen. Die Titel suggerieren, dass Pflanzen zu Leistungen in der Lage sind, die dem menschlichen Bewusstsein und seiner Denkleistung entsprechen. Was ist davon zu halten? Der Begriff der Intelligenz ist einer, um dessen Definition und Anwendung sowohl in den Geisteswissenschaften als auch in der Naturwissenschaft seit Jahren heftig gestritten wird. 

Nun verwenden der Biologe Stefano Mancuso und die Wissenschaftsjournalistin Alessandra Viola ihn in ihrem Buch Die Intelligenz der Pflanzen  bedenkenlos als Synonym für „Probleme lösen können“,  und darunter fassen sie im Grunde alles, was Organismen tun, um am Leben zu bleiben und zu gedeihen. Eigentlich haben die Autoren das Anliegen, für Pflanzen eine höhere Wertschätzung zu etablieren. Sie versuchen, dieses Anliegen aus Beobachtungen im Pflanzenreich abzuleiten, die uns das Staunen lehren (sollen). Diese Beobachtungen werden aber nicht wissenschaftlich untersucht und eingeordnet, sondern mit stark suggestiver Rhetorik und dabei nicht durchweg logisch überzeugend gedeutet. Und viele unbewiesene Behauptungen gibt es auch.

Dazu ein Textbeispiel, in dem es darum geht, dass Pflanzen zum Licht wachsen, was die Autoren zu der Behauptung verleitet, dass sie „sehen“, sogar „uns sehen können“. Es geht hier um das Phänomen des Phototropismus: „Dass Pflanzen zum Licht wachsen, ist so offenkundig, dass es schon die alten Griechen wussten. Doch obwohl diese Tatsache seit Jahrtausenden Allgemeingut ist, haben wir ihre ganze Tragweite bis heute nicht erkannt oder erheblich unterschätzt. Denn wovon sprechen wir hier eigentlich? Von nichts weniger als echter Intelligenz, die in Risikokalkül und Nutzenabwägung zum Ausdruck kommt. Hätte die Menschheit Pflanzen nur einmal vorurteilsfrei beobachtet, wäre ihr dies schon vor Jahrhunderten aufgefallen. … Sie [die Pflanze]  verhält sich wie ein Unternehmer, der in die Zukunft investiert: Ihr Verhalten beweist, dass sie Prognosen erstellt und Ressourcen einsetzt, um ihre Ziele zu verfolgen. Wir haben es hier eindeutig mit intelligentem Verhalten zu tun.“ (S.52)

Es wäre bitter nötig, solche Sätze (und viele andere mehr) einer strengen logischen und sprachlichen Prüfung zu unterziehen, um die Unterstellungen, die unbewiesenen Behauptungen, die mehr als zweifelhaften Analogien und Vergleiche und die vorschnellen und falschen Schlussfolgerungen aufzuzeigen. Ich muss an dieser Stelle darauf verzichten, aber nicht ohne den Hinweis, dass das Buch auch in der Presse und schon gar bei Fachleuten zwar Aufmerksamkeit, aber nur wenig Lob fand.

Trotz einiger Bedenken kann das Buch als „populärwissenschaftlich“ eingestuft werden. Die zahlreichen Beobachtungen in der Pflanzenwelt liest man gerne und mit Interesse, aber für einen Paradigmenwechsel in der Botanik taugt das Buch nicht, dafür ist es in der Argumentation und in der Beweisführung zu schwach.

Stefano Mancuso und Alessandra Viola, Die Intelligenz der Pflanzen (a. d. Italienischen), Verlag Antje Kunstmann, 2015, 188 S., 19,95 €.

Rezension: Ursula Alsleben